Der Türchen-Thread reloaded

Zeit für Smalltalk
Nachricht
Autor
Yogibaer
Schuppenheizer
Beiträge: 25
Registriert: Fr 1. Jun 2018, 19:12

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#81 Beitrag von Yogibaer » Mi 22. Mai 2019, 20:27

Hallo Ralf,
kannst du mir bitte mal in Google Maps aufzeigen von wo das letzte Bild auf Andernach gemacht wurde.
Wir haben vor zwei Wochen die Fotostelle gesucht aber nichts brauchbares gefunden.
An der B9 Haltebucht ist es wegen des Verkehrs eigentlich unnangenehm zu stehen. Im Waldgebiet über der B9 hat man nicht genug freie Aussicht und unterhalb der B9 haben wir nur Wohnbebauung gefunden.

Grüße
Jürgen

Benutzeravatar
Ralf1972
Lokomotivführer
Beiträge: 584
Registriert: Fr 25. Mai 2018, 11:20
Wohnort: Kottenheim

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#82 Beitrag von Ralf1972 » Sa 25. Mai 2019, 09:08

Yogibaer hat geschrieben:
Mi 22. Mai 2019, 20:27
Hallo Ralf,
kannst du mir bitte mal in Google Maps aufzeigen von wo das letzte Bild auf Andernach gemacht wurde.
Wir haben vor zwei Wochen die Fotostelle gesucht aber nichts brauchbares gefunden.
An der B9 Haltebucht ist es wegen des Verkehrs eigentlich unnangenehm zu stehen. Im Waldgebiet über der B9 hat man nicht genug freie Aussicht und unterhalb der B9 haben wir nur Wohnbebauung gefunden.

Grüße
Jürgen
Hallo Jürgen,

solch ein Bild geht nur von der B9-Brücke herab. Ich habe das damals einmal gemacht, mich aber nicht wirklich wohl dabei gefühlt. Die Autofahrer schauten mich blöde an, ich hab fest damit gerechnet dass bald die Polente neben mir steht. Also grenzwertig dieser Standpunkt.
Bild

Benutzeravatar
Ralf1972
Lokomotivführer
Beiträge: 584
Registriert: Fr 25. Mai 2018, 11:20
Wohnort: Kottenheim

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#83 Beitrag von Ralf1972 » Di 28. Mai 2019, 11:26

#72

Bis heute ungewohnt ist für mich eine 140 mit Einholmstromabnehmer, dazu noch das Knie zur Lokmitte. Diese Stromabnehmer (SA) besitzen wie alle modernen SA eine Schleifleistenüberwachung. Sie soll den Bügel und natürlich auch den Fahrdraht bei einem Schleifleistenbruch vor allzu großem Schaden bewahren.

Wie funktioniert das? Ganz einfach. In die Kohle-Schleifleiste ist ein Kanal gefräst, dieser Kanal wird unter Druck mittels Luft gesetzt. Bricht nun die Leiste entweicht die Luft, eine Steuereinheit registriert diesen Druckabfall und senkt den SA. Moderne Lokomotiven haben ja eine Diagnoseeinrichtung die diese Störung sofort auf das Display bringt, der Lokführer kann schnell erkennen was los ist. Bei den Einheits-Elloks gibt es so etwas nicht, der Tf bemerkt nur dass der Hauptschalter ausschaltet. Schwankt in diesem Moment die Fahrleitung weiß er auch schnell was los ist, bemerkt er am Fahrdraht nichts, z.B. wegen Dunkelheit, muss er anderweitig zur Störungssuche übergehen. Im Maschinenraum selbst ist eine angesprochene Schleifleistenüberwachung am Luftausströmgeräusch zu erkennen.

Am 26.Februar 2005 knipste ich 139 309 mit einem "Suppenzug"bei der Einfahrt nach Völklingen. Diese Maschine besitzt wie alle Bilder dieses Beitrags einen neuen Einholmstromabnehmer.

Bild





Am 10.Mai 2006 fuhr 140 808 mit einer Schwestermaschine durch Brohl gen Süden.

Bild





Vor zehn Jahren noch Alltag in Andernach, zwei 140er vor den Blechzügen. 140 853 und 864 abfahrbereit in Gleis 4. Ich habe das Bild sicher aus der RE5 heraus gemacht, vielleicht ist mir der Leerzug dann bis Köln auf dem Fuße gefolgt.

Bild





Am 9.August 2006 erwischte ich ohne Sonne die 140 857 und 803 kurz vor Klotten.

Bild
Bild

225-099
Lokomotivführer
Beiträge: 414
Registriert: Do 31. Mai 2018, 17:31

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#84 Beitrag von 225-099 » Do 30. Mai 2019, 18:26

Hallo Ralf,

wieder mal ein interessantes Detail für mich, mit fachmännischer Erklärung. Ich bin ja nicht so der Techniker, deswegen finde ich Deine Beiträge dieser Art immer sehr informativ!

Beste Grüße

Peter

Benutzeravatar
Ralf1972
Lokomotivführer
Beiträge: 584
Registriert: Fr 25. Mai 2018, 11:20
Wohnort: Kottenheim

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#85 Beitrag von Ralf1972 » Di 11. Jun 2019, 18:15

#73

Ich persönlich würde auch gut ohne unsere Fahrgäste auskommen, da bin ich ganz ehrlich. Aber ohne die Fahrgäste würde auch kein Zug mehr fahren, Subventionen hin oder her. Also müssen sie halt sein.

Damit unsere Kunden, nein, falsch, unsere Kunden sind die Schienenzweckverbände, also unsere Fahrgäste in den Zug gelangen können muss der Zug am Bahnsteig stehen. Idealerweise auch an denen die im Fahrplan veröffentlicht sind. Mir ist es bis jetzt zweimal passiert, dass ich an einem planmäßigen Halt durchgefahren bin. Und beide Male war es die gleiche Situation, ich wusste nicht mehr ob ich einen Pz oder Eilzug fahre. Das erste Mal ist schon lange her, muss so Mitte der 1990er gewesen sein. Ich hatte zweimal ins Bbf zu fahren, Rechtsrheinisch. Dreimal fuhr ich einen Eilzug, der letzte allerdings war ein Pz der überall hielt. Ich fuhr abends in Troisdorf ab und hatte wie den ganzen Tag schon im Kopf, „nächster Halt ist Menden“. Also durchfuhr ich meinen anschließenden Weichenbereich, beschleunigte meinen Zug und freute mich auf den Feierabend. Vorbei am menschenleeren Bahnsteig in Friedrich-Wilhelms-Hütte bremste ich in Menden an den Bahnsteig und hielt an. Ich schaute links zum Fenster raus, direkt hinter der Lok flog die erste Tür auf und eine Handvoll Reisende stieg aus und stampften auf mich zu. „Wo wollen die denn hin?“ habe ich wohl gedacht. Kurz darauf wusste ich wo sie hinwollten, nämlich mich anbrüllen. Da durchlief mich ein Schauer, „Oh Schei…, ich fahre ja einen Pz!“. Ich ließ die Schimpfkanonaden über mich ergehen, es war ja auch meine Schuld. Irgendwann stand dann mein Zugführer vorn an der Lok, ein älterer Kölner Kollege. „So, Ruhe jetzt!“, sagte er bestimmt. „so was kann doch mal passieren, wir sind alle nicht unfehlbar, hört auf hier rum zu schimpfen. Aber sofort! Ich rufe jetzt die BZ an, die lassen den nächsten Eilzug in F-W-Hütte halten, dann seid ihr in bald zu Hause!“. Ich fügte dann noch leise ein „tut mir wirklich leid“ an. Niemand bestand auf ein Taxi, wir erledigten die Anrufe und fuhren dann weiter. In Koblenz angekommen bedankte ich mich artig bei meinem Kollegen. „Ess joot Jung, kann doch paseere“. Damals waren wir noch eine Eisenbahnerfamilie, und in Familien steht man sich bei. Schöne alte, leider vergangene Zeit.

Das zweite Mal war ein ähnlicher Fall, nur wollte kein Fahrgast rein oder raus am ausgelassenen Halt. Ich fuhr zweimal Trier, RE hin und zurück, RE wieder nach Trier und eine RB zurück nach Koblenz. Ich fuhr in Trier ab und durchfuhr den leeren Bahnsteigbereich von Pfalzel. Als ich dann in Ehrang Vr2 für die Ausfahrt bekam durchlief mich ein ähnlicher Schauer wie Jahre zuvor. „Oh nein, Kollig, du Vollidiot, du fährst doch eine Regionalbahn“. Ich erinnerte mich tatsächlich an den Vorfall in Menden, hielt in Ehrang an, aber niemand stieg aus.

Wenn ihr zurückblättert findet ihr einen 425 in Bingerbrück beim Umsetzen in die Abstellung. Diese Schicht habe ich geliebt und bin sie auch sehr oft gefahren. Dienstbeginn gegen 15 Uhr lösten wir einen 425 ab, fuhren damit eine RB nach Mainz, dort eine kleine Pause am Bahnsteig, dann ging es nach Bingerbrück. Dort stellten wir den 425 ab, hatten eine lange Pause, lösten einen 643 ab, standen nochmals eine Stunde unter dem Reiterstellwerk, fuhren dann an einen weiteren 643 aus Kaiserslautern bei um dann mit den zwei VT nach Koblenz zu düsen. Dort noch in die Innenreinigung, Abstellen, gegen 1:00 Uhr morgens war Schluss. Lange Schicht + wenig Kilometer = bezahlter Urlaub, diese Formel gilt heute noch, nur gibt es solche Schichten leider nicht mehr so oft.

Die RB von Mainz nach Bingerbrück hielt überall außer in Uhlerborn. Das ist mir aber NIE aufgefallen, ich hielt immer dort an. Und ich habe die Schicht wirklich häufig gefahren. Eines Tages, es war schon spät im Fahrplanjahr, ging kurz nach meinem Halt in Uhlerborn der Zugfunk. „Hier ist der Fdl Uhlerborn, Tach Lokführer“… „Tach Fahrdienstleiter“ gab ich zur Antwort. „Sag mal, hast du nen Halt bei mir im Fahrplan??“ fragte er mich. „Ja klar, sonst hätte ich ja nicht angehalten“ sagte ich ihm, schaute aufs EBuLa und musste lachen. „Ups, seit wann ist denn der Halt bei dir weg?“ fragte ich ihn. Er lachte auch. „Der Zug hat hier noch nie gehalten Kollege!“… „Echt, ohne Witz?“… „Echt, ohne Witz!“... „Oh!“. Immer hielt ich dort an, nie fiel mir auf, dass ich dort nicht hätte halten müssen. Ist mir bis heute unerklärlich, denn eigentlich schaut man ja oft auf den Fahrplan um die Abfahrtszeit zu prüfen. Als ich die Schicht wieder hatte hab ich mir gekämpft dort durchzufahren, vielleicht gab es ja mittlerweile Fahrgäste die dachten, wenn der gutaussehende, sehr sympathische und hochkompetente Lokführer fährt (also ich), hält der Zug immer in Uhlerborn.

Am 14.07.2008 hatte ich mal wieder diese Schicht, der 425 140 steht in Mainz in Gleis 14 bereit bald unnötigerweise in Uhlerborn zu halten.


Bild
Bild

Benutzeravatar
Ralf1972
Lokomotivführer
Beiträge: 584
Registriert: Fr 25. Mai 2018, 11:20
Wohnort: Kottenheim

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#86 Beitrag von Ralf1972 » Mi 26. Jun 2019, 08:51

#74

Von den ganzen Strecken die wir in den letzten fast zwei Jahrzehnten verloren haben durch Ausschreibungen vermisse ich die rechte Rheinstrecke bis Wiesbaden am meisten. Durch das Rheintal zu fahren hat mir schon immer Spaß gemacht, der Verlust der Strecke war schmerzhaft. Oftmals fuhren wir weiter bis Frankfurt über Höchst, mit Kopf machen in Wiesbaden. Wir Koblenzer fuhren relativ viele Leistungen dort, morgens trafen sich bis zu sechs Lok- und Zugführer in der Frankfurter Kantine. Wir hatten dort schon so etwas wie einen Stammtisch. Was waren das schöne Zeiten.

Zu meinen Lieblingsdiensten gehörten immer zwei Schichten in denen wir nachmittags mit einer 143 rechts nach Frankfurt fuhren, dann dort eine schöne Pause hatten und mit einer 110 (später 11er) die Verstärker-RE um 16:08 oder 18:08 nach Koblenz fuhren. Herrlich, beide Rheinseiten, unterschiedliche Baureihen, besonders im Sommer wenn es lange hell ist wunderschön zu fahren. Ich bin diese Züge, ganz besonders im Sommer, sehr gerne gefahren. Den Main und Rhein runter, Fenster auf, gute Laune. Ich vermisse das, denn in einem 429 kommt dieses Gefühl einfach nicht mehr auf.

Aber wo Licht ist Schatten, an warmen oder heißen Sommertagen ist man auf der 110 vor Hitze gestorben, standen die Parks doch den ganzen Tag über in der prallen Sonne. Den Fahrgästen erging es nicht besser, die n-Wagen heizten sich ebenso stark auf. Die 111 mit ihren größeren Scheiben hat sich noch mehr aufgeheizt, das kam einer Sauna gleich. Trotzdem vermisse ich das alles ganz furchtbar.
Einige Zugleistungen endeten natürlich auch in Wiesbaden, dort stellte man sich einige Zeit „an die Seite“ um später wieder zurück nach Koblenz zu fahren. Am 13.07.2004 hatte ich solch eine Schicht, nach der Ankunft meldete ich mich fahrbereit zur Abstellung. Der Fdl ließ mich nach Gleis 136? (oder so, ich weiß leider die Bezeichnung nicht mehr genau). Ich fuhr meinen Zug bis es nicht mehr ging, eigentlich nicht nötig, aber es reizte mich bis ans Ende zu fahren. Dort stand ich dann sozusagen mitten im Grünen, wie an den beiden Aufnahmen gut zu erkennen ist.

Bild





Bild





Noch ein paar Fotos aus Frankfurt. Es war eine schöne Zeit, alles vorbei :(

Bild





Bild





Bild





Bild
Bild

Benutzeravatar
Ralf1972
Lokomotivführer
Beiträge: 584
Registriert: Fr 25. Mai 2018, 11:20
Wohnort: Kottenheim

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#87 Beitrag von Ralf1972 » Mi 4. Dez 2019, 10:07

#75

Nicht geschimpft ist genug gelobt. Trotzdem hört jeder von uns doch gerne mal ein Lob. Aus beruflicher Sicht kommt das bei mir eher selten vor, meistens wird bei uns Eisenbahnern „an der Front“ doch eher der Frust abgeladen. Und solange das nicht allzu persönlich wird habe ich dafür sogar Verständnis.

Dass man als Lokführer von den Fahrgästen eher sparsam mit Lob bedacht wird zeigt wohl die Tatsache dass ich mich an die drei Situationen tatsächlich noch erinnern kann. Bei einer Fahrt nach Boppard, Steuerwagen voraus, hielt ich in Spay am gewöhnlichen Halteplatz an. Der Ausgang des Bahnsteigs befindet sich dort wo der Lokführer immer zum Fenster rausschaut, und einmal stieg eine Dame mittleren Alters aus, blieb bei mir stehen und sagte „So schön und sanft hat schon lange niemand mehr hier angehalten“. Ich bedankte mich artig und fuhr gutgelaunt meine Schicht weiter. Ich hatte wohl einen guten Tag erwischt, denn bei mir ist das bremsen in der Tat Tagesform. Mal bremse ich besser, mal schlechter. Ich habe in Koblenz einen Kollegen der diese Schwankungen nicht kennt, er bremst immer „wie ein Gott“. Ich kenne ihn jetzt schon 25 Jahre, ab und zu fährt man mal mit ihm mit, sei es bei Überwachungen, Ausbildungen oder bei Gastfahrten. Thomas bremst jedes Mal perfekt, meine Hochachtung!

Ein anderes Mal fuhr ich abends von Dortmund nach Koblenz, wieder Steuerwagen voraus. In Köln angekommen klopft ein Herr an die Tür, und als ich öffnete bekam ich ein Lob auf die Ohren. Er wäre Stammgast in diesem Zug, aber meine Fahrweise hätte ihn dermaßen positiv beeindruckt dass er mir das sagen wolle. Och jo, das hörte ich gerne. Die langen Wendezüge im Fernverkehr müssen mit Gefühl gefahren werden, je nach Zuglänge drücken sich 10 bis 13 Pufferpaare beim Aufschalten zusammen und entspannen sich wieder beim Abschalten. Das gibt immer Zerrungen im Zug, egal wie straff er gekuppelt ist. Wieder gut gelaunt fuhr ich die letzten 93 Kilometer bis Koblenz und machte Feierabend. Es ist schon erstaunlich was lobende Worte in einem auslösen können, zumindest bei mir.

Das dritte Mal bekam ich einen kleinen Brief überreicht, zusammen mit einem Bonbon. In Bonn Hbf kam ein Mann in recht hohem Alter zu mir nach vorne und gab mir einen Zettel, darauf war ein Bonbon geklebt. Er dankte mir handschriftlich für die sichere Fahrt und wünschte mir alles Gute für die Zukunft. Ich war sichtlich gerührt. Später dann im Laufe der Zeit erfuhr ich dass einige Lokführer auch solch einen Brief von ihm bekommen haben. Ich habe ihn noch, allerdings auf der Dienststelle in Koblenz, sicher verwahrt in meinem Spind.

Am 03.11.2005 knipste ich vom Dom herab einen Karlsruher Kopf bei der Ausfahrt Richtung Deutz.

Bild
Bild

Benutzeravatar
Ralf1972
Lokomotivführer
Beiträge: 584
Registriert: Fr 25. Mai 2018, 11:20
Wohnort: Kottenheim

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#88 Beitrag von Ralf1972 » Mi 4. Dez 2019, 20:39

#76

TAV. Die Abkürzung steht für technisch basiertes Abfertigungsverfahren. Ziel der Entwicklung von TAV war es dem Lokführer die Möglichkeit zu geben seinen Zug am Bahnsteig alleine Abfertigen zu können OHNE den ganzen Zug zu überblicken. Mit dem, ich nenne es mal Vorgängerverfahren, SAT (Selbstabfertigung durch den Triebfahrzeugführer) konnte das der Tf zwar auch, musste dabei aber den Zug überblicken können. Aus diesem Grund finden sich häufig an gekrümmten Bahnsteigen Abfertigungshilfen in Form von Spiegeln oder Monitoranlagen.

Wie arbeitet nun das TAV. Kommt ein Zug am Bahnsteig zu stehen gibt der Lokführer seitenselektiv die Türen frei, an den Türblatttastern erscheint der grüne Kranz. Die Fahrgäste können nun die Türen von innen oder außen öffnen. Wird ein Taster betätigt öffnet die Tür. Der Türbereich wird durch eine Lichtschranke oder ein Lichtgitter abgetastet, solange also jemand durch die Tür schreitet oder darin stehen bleibt, bleibt die Tür offen. Wird die Lichtschranke für länger als sechs Sekunden nicht unterbrochen schließt die Tür, wir nennen das Selbstschluss. Natürlich kann die Tür aber jederzeit wieder geöffnet werden. Will der Tf nun seinen Zug abfertigen um abfahren zu können schließt er nicht aktiv die Türen, er nimmt „nur“ die Türfreigabe zurück. Türen die dann schon geschlossen sind werden verriegelt, der grüne Kranz erlischt, die Türen an denen die Lichtschranke unterbrochen ist bleiben aber offen. Ist der Ein- und Ausstieg irgendwann abgeschlossen und alle Türen zugelaufen und verriegelt bekommt der Tf das mittels Leuchtmelder angezeigt, er kann Abfahren. Die Vorgänge am Zug müsste er also aus technischer Sicht nicht Beobachten, unser Regelwerk bei der DB schreibt aber einen sogenannten Serviceblick vor, das heißt wir müssen rausschauen und soweit möglich, den Zug beobachten. Diesen beschriebenen Vorgang nennen wir dezentrales Schließen.

Was aber wenn nun ein Fahrgast, ob mutwillig oder durch Zufall, in der Lichtschranke steht und die Tür nicht zuläuft. Oder ein Koffer, Fahrrad oder Kinderwagen nah an der Tür steht? Oftmals hilft eine Durchsage in den Zug, wenn nicht gibt es die Möglichkeit des zentralen Schließens, auch Zwangsschließen genannt. Dazu muss der Tf allerdings den Zug überblicken können, steht er in einer Bahnsteigkrümmung muss er den Führerstand verlassen. Hat er sich Augenscheinlich davon überzeugt dass sich weder Personen noch Gegenstände im Türbereich befinden betätigt er einen Taster und löst den Schließvorgang aus. Nun werden die Lichtschranken unwirksam, ein Warnton ertönt an jeder offenen Tür, die Tür läuft nach drei Sekunden zu. Wird nun doch ein Gegenstand eingeklemmt wird der Einklemmschutz aktiv, die Tür reversiert und versucht nochmals zuzulaufen. Trifft sie wieder auf den Gegenstand bleibt sie kraftlos stehen. In diesem Fall muss der Tf dann vor Ort an der Tür nachschauen was los ist.

So geschehen vor vielen Jahren in Ingelheim. Ich geriet an diesem Tag in eine Situation die ich heute noch als bedrohlich und fürchterlich empfinde. Ich kam ohne Zugbegleiter mit meinem Dosto-Zug von Mainz, in Ingelheim stieg eine Horde junger Männer ein, ein Fußballclub auf Wochenend-Sauftour. Einer der Jungs stellte sich in die Tür um sie für ein paar Nachzügler offen zu halten. Wir standen lange dort, nach einiger Zeit machte ich eine Durchsage, er blieb in der Tür. Also bin ich zu ihm hin und „bat“ ihn doch einzusteigen. Was ich dann als Beleidigung zu hören bekam war so heftig dass ich es hier nicht aufschreiben mag. Er war in etwa so groß wie ich, also nicht klein, aber sein Kreuz war mal gut das Doppelte von mir. Mittlerweile war der letzte Nachzügler eingestiegen und er stieg auch ein. „Okay Ralfi, das war übel, vergiss es“ dachte ich mir. Ich fuhr weiter. In Gaulsheim klopfte ein Fahrgast an meine Steuerwagentür, ich öffnete. „Im mittleren Wagen belästigen junge Männer die Fahrgäste, spritzen mit Bier herum und pöbeln aufs übelste“ bekam ich zu hören. Meine Freunde aus Ingelheim. „Ich rufe die Polizei“ antwortete ich dem älteren Herrn. Über den Fdl Bingerbrück bestellte ich die Polizei, außerdem bat ich den Fdl keine Ausfahrt zu machen bis die Sache geklärt ist. So stand ich also in Bingerbrück auf der Seite und wartete auf die grüne Minna. Hinten hörte ich das Palaver der Fußballer, sie schienen mir meinen Zug auseinander zu nehmen. „Puh, hoffentlich kommen die bald dachte ich mir“ als mich der Fdl anrief. „Die Polizei kommt aus Kreuznach, die werden noch eine halbe Stunde brauchen“. Oh nein! Die Aufsicht (gab es Damals noch in FBGK) stand mittlerweile an meinem Führerstand. Ich öffnete das Fenster. „Gut dass du da bist“ sagte ich zu ihm. „Komm wir beide gehen mal hinten und versuchen die zu beruhigen“….“biste bekloppt, da geh ich nicht hin!“ antwortete er mir. Alle guten Worte konnten ihn nicht dazu bewegen mit mir nach hinten zu gehen. Also setze ich mich wieder auf meinen Stuhl. Dieses Gefühl dass mich dann bewegte werde ich niemals vergessen. Es war mein Zug, ich war der Zugführer, ich fühlte mich verantwortlich. Ich musste nach hinten gehen, dann eben alleine. Ich begab mich also in den mittleren Wagen, ins Oberdeck. Es lief Musik, alles stank nach Bier, Chips überall (ich glaube Funny frisch Ungarisch, eigentlich lecker). Und es saßen immer noch viele „normale“ Fahrgäste dort, ich wäre dort schon längst abgehauen in einen anderen Wagen. Ich ging zu meinem Freund aus Ingelheim, er stand mit dem Rücken zu mir. „Jungs“ rief ich laut, er drehte sich um. „Jungs, für euch ist die Fahrt hier beendet. Entweder ihr steigt jetzt aus oder in ein paar Minuten wenn die Polizei da ist“. Es soll ja so sein, dass kurz vor dem eigenen Tod das Leben nochmals vor dem inneren Augen vorbeiläuft. Ich kann euch sagen, das stimmt nicht. Es lief kein Film, ich war mir aber sicher gleich zu sterben, so schaute mich der Typ an. „Ralfi, gleich wird’s dunkel“ dachte ich, und im nächsten Moment dachte ich noch „damit mache ich viele Wochen krank“. Mein Gegenüber kam auf mich zu, schnaubte wie ein Stier. Ich hatte wirklich Schiss in der Buxe, trotzdem streckte ich mich, Schultern nach hinten, Blick in seine Augen. Ich war mir sicher dass er mich umhaut. So schauten wir uns an, innerlich schrie ich nach Mama. Ich nahm all meinen Mut zusammen, schaute ihn an und sagte „wat ess, Raus!!!“. High noon in Bingen. Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte er sich um und beorderte seine Kameraden nach draußen.

Ich fuhr dann weiter, mit einem fürchterlichen Gefühl in mir. Das spüre ich jetzt noch beim schreiben. So alleine den "Helden" zu spielen war leichtsinnig, aber irgendwie konnte ich auch nicht anders. Am nächsten Tag klingelte im Dienst mein Handy, ein Polizeibeamter aus Kreuznach war am anderen Ende. „Herr Kollig, waren sie der Tf auf Zug 12xxx?“…“Ja, das war ich.“….“ich bearbeite den Fall, haben die Herren im Zug Sachschaden verursacht?“….“Nein, „nur“ Sauerei“. „Okay, dann nehme ich das so auf“. Ich fragte ihn dann wie die Geschichte denn weitergegangen ist. „Nun, als der Streifenwagen eintraf hatten die Herren erheblichen Sachschaden auf dem Bahnsteig angereichtet. Es wurde erst mal Verstärkung angefordert“. Oha. Ich bin selten um einen Spruch verlegen, also sagte ich im Scherz „Ihr Weicheier, ich habe die Bande ganz alleine aus dem Zug geworfen“. Der Polizist konnte nicht lachen, sagte mir nur „Herr Kollig, das ist nicht lustig, sind sie froh dass ihnen nichts passiert ist“. Ich legte auf, mir wurde wie am Tag zuvor Speiübel….

Dieses eigentlich wenig zeigenswerte Foto aus Bingerbrück passt zu diesem Text, ein Dosto-Park wie ich ihn damals fuhr, nur vom Stw aus.

Bild
Bild

Benutzeravatar
Ralf1972
Lokomotivführer
Beiträge: 584
Registriert: Fr 25. Mai 2018, 11:20
Wohnort: Kottenheim

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#89 Beitrag von Ralf1972 » Mo 9. Dez 2019, 12:31

#77

In der Bundesbahn Lehrwerkstatt Oberlahnstein in der ich meine Lehre absolviert habe hat man uns wirklich lange Leine gelassen, ich schrieb ja schon, dass es eine wunderschöne Zeit war. Auf eines allerdings wurde größten Wert gelegt, Pünktlichkeit. Wir wurden zur Pünktlichkeit erzogen. Pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen ist natürlich für alle Arbeitnehmer Pflicht (bis auf die Gleitzeiter). Wir fahrendes Volk leben vor und während der ganzen Schicht immer nur nach der Uhr, es gilt eben pünktlich abzulösen. Mich macht es verrückt nicht zu wissen wie spät es ist, in unserem Haus steht oder hängt in jedem Zimmer eine Uhr, denn zu Hause trage ich selten meine Armbanduhr. Und bis heute schlafe ich vor einem Frühdienst schlecht, unter anderem liegt das daran, dass ich wohl immer Angst habe zu verschlafen.
Mir ist es nicht immer gelungen pünktlich abzulösen. In den den Jahrzehnten die ich jetzt fahre kam das schon mal vor. Mal hat es ganz banale Gründe, nicht auf die Uhr geschaut in der Pause, zu lange mit den Kollegen geplaudert, in Köln zu lange vor dem Schaufenster von Foto Lambertin gestanden. Ich stand auch schon auf der Autobahn im Stau, und ich kam auch schon zu spät, weil ich mit dem Zug in den Dienst gefahren bin. Aber auch schon zweimal weil ich einfach nur dämlich bin.

Ich schüttle ja gerne mal den Kopf über junge Menschen die eigentlich mitten im Leben stehen aber nicht in der Lage sind mit dem Zug von Koblenz nach Andernach zu fahren. Ich war noch nicht lange im Fahrdienst und noch in Deutzerfeld als ich Gastfahrt nach Gremberghoven fahren sollte, ich hatte in Gremberg abzulösen. Spät dran hechtete ich die Treppe zu Gleis 10/11 im Hauptbahnhof nach oben, auf dem Bahnsteig stand ein oranger N-Wagen. Meine S12 nach Au. Dachte ich. Ich saß aber in der Citybahn nach Gummersbach. Oh nein. Handys gab es noch nicht, also bin ich nach vorne zum Lokführer und bat ihn seinen Zugbahnfunk nutzen zu dürfen. Ich rief den Lokdienst an und beichtete meinen Fehler, stieg alsbald aus und fuhr wieder zurück und dann nach Gremberg. Es war alles halb so wild, meine Lok stand im Bw sodass ich meinen Zug bespannen konnte. Im Gütergeschäft war das nicht so tragisch, da fuhr man gerne mal vor oder nach Plan, das wird heute nicht anders sein.

Ein zweites Mal habe ich mich allerdings schon geschämt wegen meiner Dummheit. Die erste! Schicht nach meiner Rückkehr vom Fernverkehr zu Regio führte mich nach Wiesbaden. Es war eine schöne Schicht, in der Früh gings nach Wiesbaden, dann Lr nach Assmannshausen, Pz wieder nach Wiesbaden, Gastfahrt mit der S-Bahn nach Mainz, Eilzug nach Koblenz, Feierabend. Als ich das zweite Mal in die hessische Hauptstadt kam wurde ich in Gleis 1 abgelöst. Ich schlenderte über den Querbahnsteig. „Da steht ja eine S-Bahn“ dachte ich, schielte nach oben zum Zugzielanzeiger, las irgendwas mit Mainz und stieg ein. S8, S9, wat weiß denn ich wo die hinfahren, Hauptsache Mainz. Der heilige ET setzte sich in Bewegung, in Wiesbaden-Ost allerdings fuhr er nicht Richtung Mainz-Nord sondern Richtung Kastel. Verdammt, ich hatte die S9 erwischt, nicht die S8. „Ahhh, Ralf, du Vollidiot“, dachte ich und stieg ohne zu überlegen in Kastel aus. Plan war per Pedes rüber zum Hauptbahnhof zu laufen. 2,5 km, knappe halbe Stunde laufen, oh nein, das wird knapp, zu knapp, das schaffe ich nicht! Also kramte ich mein Handy hervor und rief die Lokleitung Mainz Hbf an, die gab es damals noch. “Morje, der Ralf aus Koblenz hier. Sag mal, hast du eine Bereitschaft?“ fragte ich ihn. „Morgen Ralf, ja, hab ich, der muss mir gleich einen Zug vorbereiten.“… „jetzt nicht mehr“ sagte ich ihm, „jetzt fährt der meinen Zug nach Koblenz, den RE um zehn vor Neun. Es tut mir leid, ich bin in Wiesbaden in die S9 gestiegen und Richtung Kastel gefahren.“ Sagte ich ihm. „macht doch nix Ralf, bleib sitzen und geh in Bischofsheim auf deinen Zug, den erwischst du dort noch“. Ahhhh, ich Volldepp! „Ähem, ja, dat iss jetzt blöd, ich bin in Kastel ausgestiegen“….“aha, naja, dann schick ich meine Bereitschaft“. War mir das Peinlich! „Kollege, ich komme schnell rüber zum Hauptbahnhof und bereite dir den Zug vor, wenn du magst“ bot ich ihm an. „Brauchst du nicht, fahr du mal mit dem IC deinem Zug hinterher“. So geschah es, ich fuhr nach Koblenz, mit flauem Gefühl im Magen. In Koblenz hatte ich ja Feierabend, ich schaute noch auf unserer Lokleitung vorbei, die gab es da auch noch. Mein Lokleiter dort konnte sich das Lachen nur mühsam verkneifen als er mich sah. „Ah, der Herr Fernverkehrslokführer. S-Bahn fahren kann er also nicht mehr, nicht mal als Fahrgast“. Okay, den Hohn und Spott hatte ich mir verdient…

In Bischofsheim fotografierte ich am 19.08.2009 diese zwei heiligen ET als S9.

Bild





Am 15.03.2010 machte ich in Frankfurt Hbf diese zwei Aufnahmen.

Bild





Bild
Bild

Benutzeravatar
WolfgangZ
Reservelokführer
Beiträge: 343
Registriert: Do 31. Mai 2018, 12:08
Wohnort: Mömbris-Daxberg

Re: Der Türchen-Thread reloaded

#90 Beitrag von WolfgangZ » Mo 9. Dez 2019, 19:06

da fehlt ja wohl nur noch das passende Foto aus Wiesbaden

Bild

am 10.03.2014 stehen 420 789 als S8 und 420 802 als S9 am selben Bahnsteig, ansonsten wäre unserem Ralf dieses Missgeschick ja nicht passiert.

Am 30.10.2014 habe ich mit beiden S-Bahnen eine Rundfahrt gemacht. Rüsselsheim - Mainz - Wiesbaden mit S8 und Wiesbaden - Mz-Kastel - Rüsselsheim mit S9.

Herzliche Grüße und vielen Dank für deine immer wieder interessanten Erzählungen aus deinem Berufsleben.
Wolfgang

Bild Meine Beiträge in DSO

Antworten